Rheinhessen

Wenn von einem „Wein-Wunderland“ die Rede ist, denken die Menschen auch in Deutschland trotz aller Wunderdinge die aus Übersee berichtet werden, zunächst an Frankreich oder Italien. Mit Recht: denn in beiden Ländern werden nach Geografie, Rebsorten und Ausbautechnik derart vielgestaltige und hervorragende Weine angeboten, dass Begeisterung und anerkennendes Staunen nicht ausbleiben können. Die Metapher vom „Wein-Wunderland“ wird aber auch noch in einem weiteren Zusammenhang gebraucht, etwa wenn an die 13 Weinbaugebiete in Deutschland gedacht wird. Dort befindet sich ebenfalls – in einem kleineren Kosmos – ein „Wein-Wunderland“: Rheinhessen.

Rheinhessen: einer der gesegnetsten Gaue Europas

Schon historische Stimmen belegen die Besonderheit dieses Raumes, z.B. im „Weinbuch“ von Dr. Wilhelm Hamm, aus dem Jahr 1865: „Die Provinz bei Rhein des Großherzogthums Hessen .. ist unstreitig der beste Theil des Landes, wie überhaupt einer der gesegnetsten Gaue Europas.“ Hamm beschreibt auch den Bodenwert: „gehört größtenteils der tertiären Formation an und zeichnet sich aus durch allenthalben großen Kalkgehalt im Boden neben Sand, Todtliegendem, Lehm und Löß“.
Auch die Problembereiche beschreibt der fachkundige Hamm: „Leider findet man noch sehr häufig vermischten Satz ohne Wahl.“ Natürlich befand sich auch dieses Weingebiet – noch vor der Reichsgründung und vor der Reblauskrise – wie alle anderen in Deutschland – im önologischen Tiefschlaf. Mit gemischtem Satz wurde das Ziel verfolgt, Moste mit verschiedenen Reifegraden – und damit Säurewerten – im Interesse der Risikominimierung zusammenzubringen. Damit waren wertvolle Rebsortenweine nicht herzustellen.

Lässt man sich die Aussagen von Hamm auf der Zunge zergehen, scheint es so, als ob die uralten Probleme des Weingebietes Rheinhessen auch die aktuellen wären: Risikominimierung. Zwar finden sich kaum noch Felder, in denen der gemischte Satz praktiziert wird, allerdings bilden die vielen angebauten Rebsorten – darunter eine erhebliche Anzahl von Neuzüchtungen – im übertragenen Sinne einen „gemischten Satz“. Es scheint so, als wisse man in diesem „gesegneten“ Land nicht so recht, welche Weine man anbauen solle, und die Fluktuation der immer neuen Sorten spricht dafür, dass die Ergebnisse noch nicht die erwünschten Resultate gezeitigt haben.

Rheinhessen: die Rebsorten

Nicht weniger als 56 weiße und 26 rote Rebsorten sind in Rheinhessen zugelassen. Von diesen 82 Sorten sind mehr als 20 Sorten Neuzuchten mit mehr oder weniger bestockter Rebfläche; mindestens 44,4 % der Rebflächen entfallen auf Neuzuchten. Die neuesten Anbau-Experimente beziehen sich auf französische Rebsorten wie Chardonnay, Sauvignon Blanc, Cabernet Sauvignon, Merlot etc., von denen inzwischen gut 5 % unter Reben stehen.

Der – aus anderer Sicht formulierte – leider zutreffende Kommentar von Weinpapst Hugh Johnson tut weh: „Deutschlands größtes Anbaugebiet, zwischen Mainz und Worms gelegen, produziert viel Massenware …“. Allein zu Nackenheim und Nierstein bietet Johnson positive Kommentare. Ob Johnson mit der Beurteilung der Scheurebe richtig liegt, mag bezweifelt werden. In Rheinhessen hat ihre bestockte Rebfläche seit 1975 mehr als die Hälfte abgenommen. Wegen ihrer aromatischen Weine und aus klimatischen Gründen – wegen ihrer geringeren Frostanfälligkeit – mag sie in bestimmten Bereichen Rheinhessens ihre Berechtigung haben.
Über die einst so gepriesenen Neuzuchten ist weithin Ernüchterung eingekehrt. Von 72 % der Rebfläche in 1985 ist ein weiterer spürbarer Rückgang auf ca. 45 % zu verzeichnen. Allerdings – sofern Rheinhessen sein optimales „Sortiment“ gefunden hätte – würde der Aufbau eines eindeutigen Leitbildes für Rheinhessen-Weine erst beginnen. Es wird also höchste Zeit, wenn der Anschluss an die internationale Liga der Weinproduzenten noch gelingen soll.

Viele Chancen für Rheinhessen

Auf jeden Fall sollte die Vielzahl an Neuzuchten radikal vermindert werden. Am wenigsten zu tun wäre noch auf der Rotweininsel Ingelheim, wo der Spätburgunder und der Portugieser erhalten bleiben könnten. Riesling und Weißburgunder, auch der Graue Burgunder, können praktisch überall angebaut werden, mit Ausnahme einiger klimatischer Problemzonen. Im „Rotliegenden“, wegen des Gehalts an Metalloxiden so genannt, wo einige der hervorragendsten Rieslinge Deutschlands produziert werden, sollte durchaus alles beim alten bleiben. Mit einem eindeutigen Image der Rheinhessenweine, hätten freilich auch die teilweise hohen Qualitäten bessere Vermarktungschancen.


Bildnachweis: © Fotolia – Blackosaka

Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg und arbeitete seitdem für verschiedene Medien. Sein Markenzeichen sind seine fränkische Frohnatur, sein Faible für die irdischen Genüsse und seine Liebe zur Technik. Beilhammer schrieb schon früh für technische Fachmagazine und ist seitdem als Freier Autor tätig.

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