Weinausflug nach England

Dass die Briten gelegentlich heißes Wasser statt Tee trinken, haben vermutlich die Scherzbolde um Asterix und Obelix in die Welt gesetzt. Man hat diese Übung allerdings auch schon in Dokumentationen des deutschen Fernsehens gesehen. Sicher ist, dass von den Leckermäulern des Inselstaates gerne eine Cremetorte genommen wird, die an Süßigkeit kaum zu überbieten ist und die bekannte Pfefferminzsoße zum Lammbraten beruht ebenfalls auf Wahrheit – und ist wahrscheinlich ein kulinarischer Leuchtturm der bereits Spitzenköche aus aller Welt inspiriert hat.

Bei der Erinnerung an dieserart feinschmeckerischen Merkwürdigkeiten tritt meine erste und einzige Begegnung mit Wein aus England ins Bewusstsein. Eine „deutsch-englische Gesellschaft“ bat damals um die Vermittlung englischer Weine für eine Probe unter Freunden. Auch dort blieb es bei dem vereinzelten Vergnügen.

Was ist vom „Hock“ noch übrig geblieben?

Warum sprechen wir davon? Ist es nicht so, dass der deutsche Wein dem englischen bei weitem vorzuziehen ist? Wissen das die Engländer nicht selbst? Hat der „Hock“, der nicht nur für den Hochheimer, sondern für Rheinwein insgesamt steht, nicht einen unüberbietbar guten Ruf, schon seit Kaiserin Victorias Zeiten?

Wenn schon nicht den Hock, was dann?

Leider sprechen wir hier nur noch von „Geschichte“. Die großen Zeiten, in denen Kaiserin Victoria (und vermutlich auch ihr deutscher Gemahl) Einfluss auf den Weingeschmack der Briten nehmen konnte, sind längst vorbei. Welche Weine Königin Elisabeth II. bevorzugt, darüber lässt sie kein Wörtchen verlauten. Auch von Prinz Charles erfährt man nichts genaueres – nur dass er auf eigenem royalen Grund und Boden Weinstöcke hat anpflanzen lassen. Vielleicht hat ihn ermuntert und ermutigt, dass das englische Weingut Camel Valley (in Cornwall) im Jahr 2010 in Bologna einen Preis für den besten Sekt erhielt.

Deutschlands Weinexporte nach Großbritannien: rückläufig

In Deutschland müssen die Anklänge an die glorreichen Wein-Zeiten Betrübnis auslösen, befindet sich der Weinexport nach Großbritannien doch seit Jahren auf dem absteigenden Ast. Nur noch 173.000 hl wurden zuletzt (2012) exportiert. Damit steht Großbritannien zwar immer noch auf Platz drei der deutschen Exporteure, aber bei der Import-Rechnung steht Deutschland mit 4,6 % der britischen Importe nur noch auf dem achten Rang; nach anderen Berechnungen noch weiter hinten.

Billigweine aus Deutschland: des Briten Weingeschmack auf dem Niveau der Russen

Dazu kommt, dass die deutschen Einfuhren nach Britannien wertmäßig am unteren Ende stehen: durchschnittlich 156 € für den Hektoliter wurden aufgewandt. Das ist fast die Kategorie für die russische Weineinfuhr aus Deutschland (122 € pro hl). Selbst die sparsamen Niederländer geben mehr aus (167 € pro hl).

Den Briten fehlt schlicht die Kaufkraft

Ist es so, dass reichere Länder bei den deutschen Weinexporteuren den Schnitt machen? In den USA werden deutsche Weine zu 346 € pro hl importiert, in Norwegen der Hektoliter für 390 €, China 398 €, Japan 403 €, die Schweiz 474 €, Hongkong 681 €.
Tatsächlich ergibt sich die aufsteigende Linie bei den Weinexporten auch, wenn man das durchschnittliche Pro-Kopf-Nationaleinkommen als Maßstab anlegt. Die USA, Norwegen und die Schweiz sind da Spitzenreiter. Und Großbritannien? Mit 37307 $ liegt die Kaufkraft der Briten gegenüber Deutschland (40007 $) gut 6,75 % unter der deutschen und auch noch wesentlich unter der der ökonomisch totgesagten Franzosen.

Mangels besser strukturierter Importdaten drängt sich der Eindruck auf, dass die Briten, bei einem durchschnittlichen Weinkonsum von 27,25 Litern pro Jahr und Einwohner, für den Wein nicht sehr viel Geld ausgeben wollen. Hauptimporteur ist Australien, mit der bekannten Industriekultur beim Weinbau, deren Niederschlag im Preisgefüge besonders erwünscht ist. Spitzenerzeugnisse werden auch nicht die sein, die aus Kalifornien und Südafrika importiert werden. Und leider auch nicht die deutschen Weine, die mit 4,6 % der gesamten Weineinfuhr nach Großbritannien zu Buche schlagen.

Die Befunde zum deutsch-britischen Weinverhältnis lassen um so mehr aufmerken, als in Großbritannien sehr spezifizierte Kenntnisse über Wein bestehen. Den ohnehin durch Reisen sehr geweckten und informierten Briten stehen darüber hinaus Scharen von durchaus honorigen und ausgebildeten Weinjournalisten zur Verfügung. Trotzdem bilden Weine zum Flaschenpreis von unter 5 Pfund Sterling die Ausnahme.

Es ist so, dass die Globalisierung offenbar auch mit Blick auf die Weinwirtschaft – wie in den verschiedensten Industrie- und Landwirtschaftsbereichen – ihre Schattenseiten deutlich zeigt. Ein geradezu allmächtiges Marketing suggeriert den Weinkunden ungebrochene Konsumfreude, in dem Weine mit nicht mehr als allgemeinem Weingeschmack zu Gipfeln der Genüsse hochstilisiert werden. Großbritannien scheint schon auf der Verliererstraße unterwegs zu sein. Dass dies in Deutschland nicht geschieht, dafür ist letztlich das Beharren auf hervorragenden Weinqualitäten das einzige Mittel der Wahl – von der Seite der Erzeuger wie der Konsumenten.


Bildnachweis: © morguefile.com – jerjones

Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg und arbeitete seitdem für verschiedene Medien. Sein Markenzeichen sind seine fränkische Frohnatur, sein Faible für die irdischen Genüsse und seine Liebe zur Technik. Beilhammer schrieb schon früh für technische Fachmagazine und ist seitdem als Freier Autor tätig.

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