Chateau Lafite Rothschild / Domaines Barons de Rothschild: Schattenseiten der Weinherrlichkeit

Als teuerster Wein der Welt gilt der Chateau Lafite Rothschild von den Domaines Barons de Rothschild. Anlässlich einer Weinversteigerung 2010 zahlte ein – vermutlich Milliardär – die gigantische Summe von 230 000 $ pro Flasche, eine spätere Versteigerung erbrachte 139 000 $. Aber auch bei moderateren Preisen, etwa für einen Montrachet oder Scharzhofberger – zwischen 4.000 und 13.000 € die Flasche – muss man fragen, ob Preis und Leistung noch in einem Zusammenhang stehen? Diese teuren Weine entsprechen einem Bedürfnis auf Käufer- wie auf Verkäuferseite, nämlich dass sie einen Wein finden möchten, der ihrem Geldbeutel und ihrem Geltungsbedürfnis adäquat ist.

Teure Weine: von Wert, Wucher und Luther

Nicht zu messen ist die Eigenart dieser Geschäfte etwa an der Wucherproblematik. Wie schon Luther wusste, haben die Kaufleute einen Wahlspruch, und der lautet: Ich kann meine Ware so teuer verkaufen wie ich es vermag. Beim Wein ist diese Geschäftsgrundlage kein Problem, denn die Menschen brauchen Wein dieser Preisklasse und derart angemaßten Qualitätskategorien durchaus nicht. Mit der altdeutschen Regel – „wer die Augen nicht auftut, soll den Beutel auftun“ – ist wohl Antwort auf ein grobes Missverhältnis von Wein und Preis genug gegeben.

Echte Probleme sind zu beobachten bei dem umgekehrten Phänomen die Weinpreise betreffend. Da werden Weine zu 1,49 oder knapp über 2,00 € angeboten. Ob Viehfutter, Weizen oder Wein, so angenehm der „Homo Ökonomikus“, der Verarmte oder der Geizkragen, derartige Niedrigpreise immer auch empfindet, er muss wissen, dass diese Preise nicht gesund sind und der Kultur, auch der Weinkultur abträglich.

Wein: billig oder teuer?

Bei diesen absoluten Billigweinen handelt es sich – vergleichbar der Fleischproduktion – nicht mehr um handwerkliche Produkte, bei denen es etwa auf die Arbeit des Winzers ankommt, sondern um solche der Agrarindustrie. Bedenkt man die Kosten für Korken, Flasche, Reinigung, Steuer, Transport und die Gewinnspanne des Händlers, dann dürfte der Flascheninhalt fast nichts mehr kosten. Tatsächlich war in Fernseh- und Presseberichten von Mostpreisen von 50 bis 60 Cent pro Liter zu erfahren.

Winzerarbeit wird also mit diesen Tiefstpreisen nicht honoriert, sondern industrielle Massenproduktion und Chemieeinsatz. Schon für den Erdboden ist nicht dies nicht gesund. Auch nicht für die Weinkultur, um die man angesichts solcher Auswüchse fürchten muss.

Wein billig kaufen: ist Geiz wirklich geil?

Jeder selbständige Winzer, der Freude an seinem Beruf hat – und auch mit Stolz seinen Namen als Erzeuger und Abfüller auf seinem Etikett nennt – wird sich scheuen, seinen wertvollen Most an eine Weinfabrik zu verkaufen. Als Kunden dieser Fabrikabfüller kommen daher nur Weinbauern in Betracht, die nicht mehr als Vollwinzer arbeiten können, weil ihnen – aus den unterschiedlichsten Gründen – die Mittel für den durchaus teuren Kellereibetrieb fehlen.

Je nach Lage auf dem Weinmarkt, werden sie rasch zu Opfern, die sich einem Preisdiktat fügen müssen. Diese Fügsamkeit wird im Interesse der Billigproduktion auf maschinellen Rebschnitt, maschinelle Düngung und Spritzung, chemische Entfernung von Stockausschlägen und schließlich auf maschinelle Lese erweitert.

Dem Weinkunden, wenn er sich nicht nur für den Alkoholgehalt eines Weines oder die Anthocyane im Rotwein interessiert, fehlen bei der industriellen Massenproduktion von Wein wesentliche Angaben. Bei Massenerzeugnissen wird er auf die Angabe von Ort und Lage des Weins verzichten müssen, auch die Angabe der Rebsorte wird zweifelhaft. Wenn man aber nicht weiß, was man da trinkt, woher es kommt, aus was es besteht, welche Qualitätsstufe angegeben ist, wird eben diese Grenze überschritten, die den Wein auf ein alkoholisches Getränk reduziert.

Die Franzosen kennen zwar den Ausspruch, „der kürzeste Weg in Paradies führt durch den Weinkeller“ und im Deutschen besteht eine Unzahl vom Witzen die den übermäßigen Weinkonsum auf die Schippe nehmen – aber wohlverstanden – Bonmot und Witz sind eine scharfe der Form der Kritik.

Niemand möchte den Alkohol als Weinbestandteil missen, aber er kann niemals den alleinigen Grund für den Weinkonsum liefern. Die Qualitätsanstrengungen von unzähligen Winzern über die Jahrtausende hinweg, sie dienten allein der Vervollkommnung einer hohen Weinkultur, die inzwischen ein Niveau erreicht hat, wie wir es nur schätzen können.

Die beiden Auswüchse, von überteuerten Weinen auf der einen und Billigweinen auf der anderen Seite sind tatsächlich zwei Seiten der gleichen Medaille: überbordendem Reichtum steht Einkommensnot gegenüber. Die Weinleute können diese Situation aktuell nicht ändern, sie dürfen diese Schattenseiten der Weinkultur kritisch ansprechen.


Bildnachweis: © morguefile.com – Jusben

Über Hans-Jürgen Schwarzer

Hans-Jürgen Schwarzer (Link Google+) leitet die Online-Agentur schwarzer.de software + internet gmbh. Als Unternehmer und Verleger in Personalunion wie auch als leidenschaftlicher Blogger gehört er zu den Hauptautoren von startup-report.de. Innerhalb seiner breiten Palette an Themen liegen dem Mainzer Lokalpatriot dabei vermeintlich „schräge“ Ideen oder technische Novitäten besonders am Herzen.

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