Rosé: Weinrallye #89

Rosé: Weinrallye #89

Die Antwort auf die Preisfrage der Weinrallye #89 – „Warum ist dieser Wein immer wieder in einer Nische?“ – ist keine einfache: trotzdem ein Angebot: „Weil es vielleicht zu wenig echte Weinkenner gibt!“

Diese Antwort bedeutet vor allem, dass möglicherweise zu viele Vorurteile und Missverständnisse über den Rosé bestehen. Aus Wohlwollen dem wunderbaren Getränk gegenüber versteigt sich denn auch Juliane in ihrem Intro zu einer Fehlinterpretation: „Es gab ein wenig Aufmerksamkeit Ende der 00er Jahre, das war’s denn auch schon.“ Tatsächlich stieg in Deutschland der Konsum von Rosé-Wein nach einem Bericht der FAZ vom 9. 6. 2009 von 2 auf 8 %. Unsere französischen Nachbarn kommen auf etwa 12 % und erweisen somit ein gesteigertes Weinverständnis. Wenn Juliane meint: „Immer noch zu wenig“, dann ist ihr unbedingt beizupflichten, denn der Rosé ist ein meist großartiger Wein, den roten Weinen oft überlegen, wie schon die Weinliteratur seit dem Mittelalter weiß.

Vermutlich war im antiken Rom das Geheimnis der Bereitung von Rosé-Wein bekannt: durch das bekannte Stampfen der Trauben wurde der Most bzw. die Maische nicht völlig ausgepresst und praktisch schon nach dem ersten Tag der Gärung verfügt man über „fertigen“ Wein, der dazu auch noch wohlschmeckend war, weil alle Bitterstoffe und Säuren aus den Beeren wegen der kurzen Gärzeit nicht stören konnten.

Das Prinzip stand freilich im Widerspruch zur größtmöglichen Ausbeute von Wein, weshalb schon frühzeitig leistungsfähige Pressen zum Einsatz kamen. Schon von jeher war die Frage der Quantität und Qualität des Weines eine Gratwanderung: so kennen wir die erste, die zweite und die dritte Pressung beim Wein, in der praktisch nur noch die Trester, mit etwas Wasser aufbereitet, ausgezogen wurden. Dieser Wein fungierte meist als „Gesindewein“.

Die Dauer der Gärung beeinflusste in verschiedener Weise den Wein. Er wurde trockener und bitterer, je länger die Gärung vorhielt, und glich damit immer weniger dem Geschmacksideal der meisten Konsumenten, die süße Weine bevorzugten. Manche Winzer halfen sich damit aus, getrocknete Trauben der bereits vergorenen Maische hinzuzufügen.

Bekannt ist die Geschichte von „Clairet“ oder – englisch ausgesprochen – „Claret“, den die Engländer schon seit dem 13. Jahrhundert bevorzugten. Der helle, leichte, süffige, milde und doch kräftige Wein begeisterte. Von den Franzosen wurde er als „vin d‘ une nuit“ bezeichnet – weil er praktisch über Nacht entstanden war – und noch heute gefällt sich mancher Winzer in Frankreich darin, seinen „Rosé“ so zu benennen, und mancher Konsument sieht darin – nicht völlig abwegig – eine erotische Konnotation.

Natürlich: Die wenigsten „Rosés“ werden heute nach der Clairet-Methode hergestellt. Man denke an die Preise für solch unbeschwerten Umgang mit dem teuren Produkt – und wer wollte einen Wein aus Mehrfach- Pressung trinken? Der in der Schweiz gebräuchliche Name „Süßdruck“ erinnert noch – jedenfalls im Namen – an die Clairet-Methode, wenn auch der in der Schweiz entstandene Rosé „Oeil de perdrixl“ genannt wird.

Auch wenn heutzutage keine Clairets mehr produziert werden; die moderne Weinbautechnik macht es durch individuell steuerbare Druckluftpressen möglich, dass die Pressung möglichst schonend erfolgt, damit der Wein süffig, mild und doch kräftig, hell und durchscheinend bleibt. Dabei findet sich zumeist die Methode, dass die Vergärung einschließlich der Beerenhäute innerhalb von sechs bis 48 Stunden erfolgt, je nachdem Farbe und Aroma gewünscht werden.

Es gibt sehr viele ausgezeichnete – im Sinne von großartig – und sehr berühmte Rosés. Vielleicht wäre an erster Stelle der „Tavel“ zu nennen, der auch bereits eine reiche Tradition hat. Schon König Philipp der Schöne (1268-1314) soll nach dem Genuss eines Bechers Tavel – hoch zu Ross – ausgerufen haben, dass es keinen guten Wein außer dem Tavel gäbe. Auch König Ludwig XIV. wird mit dem Tavel als „Hofwein“ in Verbindung gebracht. Die französischen Dichter Balzac, Daudet und Mistral waren ausgesprochene Tavel-Liebhaber, ebenso der Edel-Feinschmecker und Mitbegründer der französichen Kochkunst Brillat-Savarin. Ein Erlebnis in der Probierstube der Gebrüder Roudil von „Le Vieux Moulin“ und die nachhaltige Qualität des dort vorgefundenen – eines hocharomatischen, vollschmeckenden -Tavel war für meine Rosé-Vorliebe prägend.

Darüber hinaus finden sich in der Provence, besonders in den Departments Var und Vaucluse, ganz bezaubernde Rosés mit himmlischen Erdbeer-, Himbeer-, und Blumendüften, die überraschenderweise total preisgünstig sind. Zwischen Marseille und Menton habe ich unzählige Rosés als offene Weine probiert; aller waren frisch, blumig und aromatisch.
Auch in Deutschland werden vorzügliche Rosé-Weine erzeugt. Dabei bietet die deutsche Weinerzeugung mit dem Weißherbst noch eine – auch traditionelle – Herstellungsmethode, die an den „Clairet“ erinnert. Und zwar werden Weißherbste ohne die blauen oder schwarzen Beerenhäute (Schalen) vergoren. Dies kommt einem milderen, weicheren Geschmack entgegen.

Neben der möglicherweise mangelnden Wertschätzung aufgrund von Fehlinformationen, gibt es aber noch einen weiteren Grund für die aus Sicht von Juliane „eingeschränkte“ Nachfrage von Rosé-Weinen, und das ist die zumindest in Westeuropa über lange Zeit eingefahrene „Konditionierung des Geschmacks“. Juliane ist wahrscheinlich einverstanden mit der Aussage, dass prinzipiell die Farben aller Weine als Aperitif in Frage kommen, dabei aber den Rosés ein besonders günstiger Platz einzuräumen ist. Beim Wein als Begleiter von Speisen sieht die Sache etwas anders aus: Während der trockene Rosé sich als Begleiter zu gebackenen Fisch, Charcuterie, Gerichten aus weißem Fleisch, bestimmten Wildtieren und Vögeln und asiatischer Küche hervorragend eignet und bevorzugt wird, ist die Speisenpalette für Rot- und Weißwein unübersehbar groß. Die Riesenzahl von Fisch- und Fleischgerichten sowie Käsesorten sorgen für ein entsprechendes Übergewicht, zumal auch noch zwischen leichten und kräftigen Rotweinen unterschieden werden kann.

Dies soll unser Beitrag zur Weinrallye #89 sein, die von Juliane von einfachwein.net als Gastgeberin veranstaltet wird. Wer diesem Link folgt, gelangt auch zu den anderen, ebenfalls sehr lesenswerten Beiträgen der Weinrallye #89.


Bildnachweis: © Hartmut May

Über 

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg und arbeitete seitdem für verschiedene Medien. Sein Markenzeichen sind seine fränkische Frohnatur, sein Faible für die irdischen Genüsse und seine Liebe zur Technik. Beilhammer schrieb schon früh für technische Fachmagazine und ist seitdem als Freier Autor tätig.

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