Rosso Shiraz: kostet 6,25:- schmeckt wie 16,25

Die Flasche hatte ich schon vergessen. Sie lag einem Regal, in dem sich weitere aus Geschenksendungen stammende Weine befanden. Naturgemäß befinden sich darunter auch eine Reihe anspruchsloser Weine, auch wenn sie mit den besten Absichten verschenkt werden. Auf jeden Fall werden bekannte Weine bevorzugt, vor allem wenn sie nach eingehender Prüfung erworben selbst wurden.

Es trug sich allerdings zu, dass die letzte Flasche des gewünschten Weines sich als von der Korkmotte befallen erwies, und deshalb unter den Geschenkweinen gestöbert wurde. Ohne besondere Erwartung wurde deshalb der Rosso Shiraz aus der Region Latium geöffnet.

Aber welche Überraschung bot sich den Sinnen an: nach dem wie gewohnt ausgefallenen Farbcheck mit tiefem Schwarz-Rot, duftete das Probenglas schon heran: da waren Himbeeren, Veilchen, Kirschen und alle möglichen weiteren Fruchtaromen, bei einem Wein mit traumhafter Harmonie und etwas dezenter Süße. Und wann hatte ein je Syrah derart unauffällige Gerbstoffnote? Der Wein schien aus schierer Frucht zu bestehen.

Bernard Massard machte in seinem „Waschzettel“ den hohen Kaliumgehalt der vulkanischen Böden des Latium für die Geschmackeigenheiten seines Rosso Shiraz verantwortlich. In der Tat, ein solch aromatischer und milder Syrah war in Frankreich noch mit aufgefunden worden, jedenfalls nicht bei den massenhaft angebotenen sortenreinen Syrah-Landweinen. Die hochpreisigen Syrahs von der nördlichen Rhone, also Hermitage, Cornas oder Saint Joseph, spielen mit ihren komplexen Aromen und ihrer feinen Struktur freilich in einer anderen Klasse.

Sehr rasch kam ich darauf, dass der Wein nicht von einem der „üblichen Verdächtigen“ stammte, sondern dass mir ein Italiener, dessen Kunde ich öfters in seinem Restaurant war, diesen Wein vor zwei Jahren zu Weihnachten verehrt hatte. Ganz bescheiden firmierte der Winzer, Bernard-Massard, auf dem Etikett, und dem Weingesetz sei Dank, auch der Abfüller wurde genannt: Monte Porzio Catone – der Abfüller hatte seinen Sitz in der Region.

Weitere Recherche ergab, dass es sich bei nämlichen Bernard-Massard nicht etwa nur um einen größeren Weinerzeuger handelt, sondern einen regelrechten Konzern einer Luxemburger Firmengruppe, die sich aber vor allem auf die Sekterzeugung konzentriert, aber auch in Frankreich, in den USA, Chile, Australien, Südafrika, Argentinien also weltweit im Weingeschäft tätig ist. Allein das Sektgeschäft ist auf 3,5 Mio. Flaschen ausgedehnt. Weinaromen sind aber nicht die alleinige Spezialität von Bernard-Massard, sondern die Firma produziert auch noch Sirupe in 100 verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Tatsächlich gibt der Rosso Shiraz Rätsel auf. Bei allem Wohlgeschmack, der an amerikanische Shiraz-Weine erinnert, wüsste man gerne mehr über diesen Wein, allerdings kann man von Bernard-Massard keinerlei Informationen erhalten. Der assoziierte Produzent „Femar Vini“ berichten unter ca. sehr Qualitäten mit keinem Wort über den Rosso Shiraz und ein Internet-Versandhändler, in dessen Sortiment der Rosso Shiraz aufgefunden werden konnte, auch die „Femar Vini“ erwähnt, spricht von tonhaltigen Böden ohne die Spezialität der vulkanischer Böden zu nennen.

Als kritischen Konsumenten nehme innerlich einen kräftigen Punktabzug für den Rosso Shiraz vor, denn ich werde den Verdacht nicht los, dass die eigentümliche Informationspolitik sowohl von Bernard-Massard, als auch von Femar Vini etwas zu bedeuten hat.


Bildnachweis: © morguefile.com – clarita

Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg und arbeitete seitdem für verschiedene Medien. Sein Markenzeichen sind seine fränkische Frohnatur, sein Faible für die irdischen Genüsse und seine Liebe zur Technik. Beilhammer schrieb schon früh für technische Fachmagazine und ist seitdem als Freier Autor tätig.

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