Lese 2015: Only good news

Der Medienpsychologie ist völlig klar:“only bad news are good news“. Dieser Satz mag für so manche Nachricht völlig berechtigt sein – Weinamateure werden hinsichtlich ihres Interessengebietes jedoch nicht zustimmen. Wie für die Zunft der Winzer sind bei ihnen Nachrichten über Wetterkatastrophen – ob Starkregen oder Trockenheit – keine guten Nachrichten, auch nicht die, über eine qualitativ oder quantitativ schlechte Ernte. Zum Glück: für das Weinjahr 2015 gilt: „only good news.“ Trotz gewissen Problemen mit der Trockenheit in vergangenen Jahr brachte der Herbst – mit Sonnentagen bis Anfang/Mitte November – exzellente Lesebedingungen, und auf das Jahr gerechnet eine hervorragende Sonnenscheinbilanz. Bis auf Eisweine dürften auch die späten Rieslinge inzwischen geerntet sein – und die Weinernte 2015 kann sich ertragsmäßig durchaus sehen lassen. Die Ernte dürfte in manchen Gebieten geringfügig ertragsgemindert sein, weil kleinere Beeren geerntet wurden – dafür ist ein Zugewinn beim Beerenaroma zu erwarten, sodass kräftige und aromatische Weine entstehen sollten.

Über Trockenschäden ist 2015 nichts bekannt geworden. Solche Trockenschäden zeigen sich durch starke Verkleinerung und einen bitteren Geschmack der Trauben. Gerade noch rechtzeitig setzten einige Regenfälle im Juli und August ein, die Trockenschäden im gefährlichen Zeitraum unterbanden. Also lautet das Resumée für 2015: „viel und guter Wein“. Manche Experten sprechen sogar von einem „Sternenwein“, der jetzt geerntet wurde.

Wie bei jeden großen Jahrgang ist eine gewisse Bandbreite zu beachten. Nicht per se wird jeder geerntete Wein ein Spitzenwein sein, es werden allerdings viele Klassiker geerntet werden können. In diesem Jahr wird dies insbesondere für die Rieslinge von der Mosel, Nahe, Rheingau, Rheinhessen und die Pfalz gelten, auch Saale/Unstrut und Meißen werden voraussichtlich profitieren. Auch die anderen Gebiete – außerhalb des Riesling-Anbaus – in denen schon ab Anfang September die Lese begonnen hatte, werden respektable Ergebnisse zeitigen. Für die Renommier-Rebe Riesling, die meistangebaute Sorte in Deutschland, wird es aber – ähnlich wie 2003 – in Abschnitten ein phantastisches Jahr werden. Alle Weinamateure sollten sich dies gut merken und darauf bestehen, einen 2015er zu probieren und sich nicht mit einem älteren Riesling abspeisen lassen.

Natürlich wird der 2015er etwas teurer – ob dies nun vorausgesagt wird oder nicht: Jeder Winzer lässt sich eine hohe Qualität auch angemessen vergüten, unabhängig von der jeweiligen Kostenstruktur. Mit fällt da ein signifikantes Beispiel ein, das einen Nebbiolo (weiß gekeltert) im Valtellina betraf. Dieser phantastische Wein wurde auf der Preisliste für 20 Mark angeboten; es kam zu einem Run auf diesen Wein, und binnen drei Wochen war eine neue Preisliste vorhanden, die den Wein 20 % teurer auszeichnete. Diese Geschichte ist mir noch so gut erinnerlich, weil ich noch nach der früheren Preisliste bestellt hatte, und weil es zu kurzfristigen Meinungsverschiedenheiten mit dem betreffenden Winzer kam.

Die zu erwartende Preiserhöhung bei 2015er Rieslingen – und anderen Sorten – unter der Rubrik „only bad news are good news“ einzuordnen, wäre aber völlig absurd, denn die Nachrichten über gesteigerte Weinqualitäten sind mit Bestimmtheit keine negativen. Wenn nach einer negativen Nachricht über den Wein gesucht wird, sollten eher Veränderungen in den Betriebsstrukturen bedacht werden, denn der Trend zu größeren Betrieben bei Verringerung der Anzahl der Betriebe, muss nicht unbedingt zu Qualitätsverbesserungen führen. Schiere Größe bedeutet eher steigende Mechanisierung und Automatisierung, was der Qualität nicht unbedingt gut tut. Und tolle Weine kommen in der Regel nicht aus dem Billigsegment. Ist die Sucht nach Billigweinen (wie nach Billigproduktion allgemein in der Landwirtschaft) einer puritanischen Moral geschuldet oder geht es noch um etwas anderes?

In Analogie an die Flüchtlingsgespräche von Bertolt Brecht könnte man bedenken: Die Unwissenheit über einen vorzüglichen Wein von höchster Qualität ist eine doppelte: Man weiß nicht er schmeckt, und man weiß nicht, wie man ihn bekommen kann. Die Sache wird tragisch, und die Unwissenheit ist eine dreifache , wenn man nicht einmal weiß, dass es ihn gibt. Den Weinamateuren sei gesagt: Es gibt ihn – die Sicherheit 2015. Probieren sie es aus.


Bildnachweis: © Fotolia – auremar

Über Hans-Jürgen Schwarzer

Hans-Jürgen Schwarzer (Link Google+) leitet die Online-Agentur schwarzer.de software + internet gmbh. Als Unternehmer und Verleger in Personalunion wie auch als leidenschaftlicher Blogger gehört er zu den Hauptautoren von startup-report.de. Innerhalb seiner breiten Palette an Themen liegen dem Mainzer Lokalpatriot dabei vermeintlich „schräge“ Ideen oder technische Novitäten besonders am Herzen.

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